Drei Monate noch bis zur nächsten Berlinale-Ausgabe. Und zwei Monate ist schon der Tod des US-Regisseurs Arthur Penn her. Der Kollege Maximilian Schröter hat extra für „Licht und Schatten“ beides zusammengebracht. Ein Text über das Glück im Unglück und die „Aktualität“ des Kinos. – Admin

(Quelle:berlinale.de)
Als ich die Nachricht von Arthur Penns Tod am 28. September gehört hatte, gingen mir mein Aufenthalt auf der Berlinale 2007 sowie die beiden seiner Filme, die ich dort gesehen hatte, wieder durch den Kopf.
Februar 2007, Berlin:
Es war nicht mein erster Besuch in Berlin, dafür aber mein erster auf der Berlinale. Deshalb war ich nicht auf das vorbereitet, was meine Begleitung und mich dort erwarten sollte. An den im Erdgeschoss der Potsdamer Platz Arkaden aufgebauten Kassenhäuschen warteten die Berliner Filmliebhaber in langen Schlangen geduldig, bis sie an der Reihe waren, um sich die Eintrittskarten für die zuvor nach langwierigem Blättern im Berlinale-Katalog und den Programmheften ausgesuchten Filme zu sichern. Bevor wir uns ans Ende einer der unerträglich lang erscheinenden Warteschlangen stellten, sichteten wir selbst noch einmal das Filmprogramm. Systematisch gingen wir die verschiedenen Reihen durch und wie wahrscheinlich allen Filmfestival-Anfängern erschien es uns am erstrebenswertesten, Karten für ein paar der begehrten Wettbewerbsfilme oder den ein oder anderen Film mit großen, bekannten Namen auf dem Plakat zu erwerben.
Clint Eastwoods „Letters from Iwo Jima“, „Irina Palm“, Robert DeNiros Regiearbeit „Der gute Hirte“, „Tagebuch eines Skandals“ sowie „Angel“ von Francois Ozon gehörten zu den Filmen, die schließlich auf unserem schnell zusammen gekritzeltem Einkaufszettel standen (außerdem Zack Snyders „300“ – rückblickend bin ich allerdings sehr froh, dass ich diesen Film nicht auf der Berlinale gesehen habe, weil sonst mein Glaube an die insgesamt sehr hohe Qualität der dort gezeigten Werke womöglich schon nach der ersten besuchten Vorstellung zerstört worden wäre). Hinzufügen muss ich noch, dass das Festival bei meiner Ankunft in Berlin bereits seit zwei oder drei Tagen im Gange war und damit auch schon ein Großteil der Eintrittskarten für die nächsten Tage verkauft war.
„Mit jeder weiteren ernüchternden Auskunft wuchs meine Verzweiflung und ich sah mich schon die komplette kommende Woche deprimiert durch die Berliner Museen wandeln (…)“
Nach bestimmt 20 Minuten geduldigen Wartens waren wir endlich am Ticketschalter angelangt und trugen der Reihe nach unsere gewünschten Filme und Termine vor, woraufhin wir immer wieder nur ein „Ausverkauft.“ als Antwort bekamen. Meistens musste die freundliche Dame am Schalter nicht einmal in ihren PC-Monitor blicken, um uns diese Auskunft erteilen zu können. Mit jeder weiteren ernüchternden Auskunft wuchs meine Verzweiflung und ich sah mich schon die komplette kommende Woche deprimiert durch die Berliner Museen wandeln, während alle anderen in der Stadt weilenden Filmfans jeden Tag mindestens einmal im Kino saßen.
Unter Druck
Inzwischen waren allerdings die hinter uns Wartenden ungeduldig geworden; anscheinend hatten wir mit unserem Verfahren, auf gut Glück Film für Film vorzutragen und auf Restkarten zu hoffen, gegen irgendein beim Berlinalebesuch geltendes, ungeschriebenes Gesetz verstoßen. Jedenfalls dauerte dem Herrn hinter uns unser Kaufvorgang viel zu lange, was er uns in schönster Berliner Mundart wissen ließ – eine Erfahrung, ohne die ein Besuch auf der Berlinale wohl nicht komplett ist. Auf diese Weise irritiert, gestaltete sich der Kartenkauf ab da noch langwieriger, schließlich musste ich mich fortan im Multitasking üben und gleichzeitig den Mann hinter mir beschwichtigen und unsere restlichen Filmwünsche vortragen.
Wir ergatterten schließlich also doch noch Karten für einige Filme. Die neuen Werke von Eastwood und DeNiro blieben uns zwar verwehrt, doch da es ja bekanntlich heißt „film is forever“, ist es demzufolge auch egal, ob man einen Film nun bei seiner Berliner Erstaufführung sieht oder erst Jahrzehnte nach seiner Premiere. Überhaupt gibt es so viele herrliche Meisterwerke, die schon längst gedreht und veröffentlicht worden sind, dass man sich die großen Premierenvorstellungen auf den Festivals, für die man sowieso keine Karten mehr kriegt, gleich ganz sparen kann – man muss diese alten Filmperlen nur irgendwie entdecken. Und zu genau so einer Entdeckung führte schließlich unser naiver Versuch, mal schnell ein paar Karten für die begehrtesten Vorstellungen des 2007er Berlinale-Jahrgangs zu holen.
Unter den Tickets, die ich schließlich in der Hand hielt, waren auch jeweils zwei für die Vorführungen von Arthur Penns Filmen „Little Big Man“ und „Bonnie & Clyde“. Arthur Penn war 2007 der Empfänger des Goldenen Ehrenbären für sein Lebenswerk, was natürlich Grund genug war, seine wichtigsten Filme im Lauf der zehn Festivaltage noch einmal auf der großen Leinwand zu zeigen – und mir die Gelegenheit gab, das Werk dieses herausragenden Filmemachers zu entdecken.
„Zwei Tage vorher hatten wir bereits den jungen Dustin Hoffman in „Little Big Man“ gesehen (…)“
Einige Tage später saß ich mit meiner Berliner Gastgeberin im großen Saal des Kino International an der Karl-Marx-Allee, wo gleich „Bonnie & Clyde“ gezeigt werden sollte. Zwei Tage vorher hatten wir bereits den jungen Dustin Hoffman in „Little Big Man“ gesehen und damit einen ersten Einblick in Arthur Penns Lebenswerk erhalten. Für dieses sollte er auch gleich, noch vor dem Beginn von „Bonnie & Clyde“ direkt vor unseren Augen geehrt werden, was eine willkommene Überraschung war.
Von Showbiz-Glamour war hier jedoch weit und breit keine Spur; die Preisverleihung wirkte spontan, kaum organisiert, aber doch irgendwie sympathisch – nicht zuletzt aufgrund der lockeren Art von Berlinale-Chef Dieter Kosslick, der es schaffte, in seinen oft nur schwer als solche zu erkennenden englischen Sätzen so viele deutsche Wörter unterzubringen wie kaum ein anderer.
Seine Filme, sein Werk
Wenn mich meine Erinnerung nicht trügt, hielt Paul Schrader, der mit seinem Film „The Walker“ auf dem Festival zu Gast war, eine kurze Laudatio auf seinen Freund Arthur Penn. Als jener anschließend seinen Bären in Empfang nahm und sich mit einigen Worten bedankte, stand vor uns alter Mann von 84 Jahren, in dem aber dennoch viel von dem jungen, kreativen Filmemacher zu spüren war, als den wir ihn in dem nach der Vorführung von „Little Big Man“ gezeigten Making-of-Material kennen gelernt hatten.
Anschließend öffnete sich der Vorhang für „Bonnie & Clyde“, Penns wohl bekanntestem Film – und es hätte keinen besseren Rahmen geben können, um diesen Film im Jahr 2007 sehen zu können, als diesen. Nicht nur die Anwesenheit des Regisseurs machte die Erfahrung zu etwas Besonderem, auch die Tatsache, dass hier ein ganzer Saal mit filmbegeisterten Menschen gefüllt war, die gekommen waren, um gemeinsam einen Film anzuschauen, den sie sich auch ohne Problem und noch dazu günstiger zu Hause auf dem Sofa hätten anschauen können.
“ (…) das Kollektiverlebnis, das einem ein gefüllter Kinosaal bietet, lässt sich mit nichts vergleichen“
Doch dieser Abend im Kino International hat mir wieder einmal verdeutlicht, dass sich die Erfahrung, einen Film auf großer Leinwand und inmitten eines Publikums aus weiteren Filmliebhabern zu sehen, durch nichts ersetzen lässt. Da können der Flatscreen daheim noch so groß und die Lautsprecher noch so zahlreich im Raum verteilt sein – das Kollektiverlebnis, das einem ein gefüllter Kinosaal bietet, lässt sich mit nichts vergleichen. Man macht im Kino mit demselben Film eine ganz andere Erfahrung als zu Hause, man fiebert mehr mit, man lacht herzlicher, man ist schockierter, man fühlt in jeder Hinsicht extremer.
Film is forever
„Bonnie & Clyde“ hat jedenfalls auf diese Weise bei mir seine gesamte Wucht entfaltet, von der verspielten Leichtigkeit der Dialoge zu Beginn des Films bis hin zum grausamen aber ästhetischen Kugelhagel-Ballet ganz am Ende. Ich habe mich in eine andere Zeit versetzt gefühlt und mir gewünscht, es wäre auch heute noch möglich, sich mit einem Satz wie „We rob banks.“ vollständig selbst zu beschreiben. Nicht zuletzt habe ich auch die junge Faye Dunaway kennen gelernt, deren Schönheit und Ausstrahlung hier für alle Zeiten auf Zelluloid gebannt sind – film is forever.
Im Rückblick muss ich mich bei den vielen Menschen, die lange vor den Ticketkassen in der Schlange standen, um die Karten für die Wettbewerbsfilme aufzukaufen, bedanken. Ohne sie wäre ich wahrscheinlich nicht in den Vorstellungen von „Little Big Man“ und „Bonnie & Clyde“ gewesen und hätte womöglich bis heute noch keinen Film von Arthur Penn gesehen. So aber habe ich das Werk eines großartigen Regisseurs entdeckt und auch noch das Glück gehabt, zwei bereits fast vierzig Jahre alte Meisterwerke zusammen mit einem großartigen Publikum zu sehen.