Kino ist ein Verweissystem. Ein Ort der Verbindungen und Parallen. Zeichen, Orte und Erfahrungen, an denen sich jeder selbst abarbeiten muss. Wie wirkt Kino? Hier schreiben Menschen, die eigentlich nicht übers Kino und Film schreiben. Sie haben, was den Ansatz angeht, freie Hand. Nur die Filme werden von mir vorgeschlagen. Ein Experiment. Nicht mehr und nicht weniger.
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Teil 1: „Whisky“
von Juan Pablo Rebella & Pablo Stoll
Uruguayanische Dreiecksbeziehung bei der vieles im Verborgenen bleibt
von Maria Wiesner
Warum bekomme ausgerechnet ich einen Liebesfilm? Das ist überhaupt nicht mein Genre – immerhin handelt es sich bei meiner DVD nicht um kitschiges, neoromantisches Hollywoodkino. „Whisky“ ist ein kleiner uruguayanischer Film des Regieduos Juan Pablo Rebella und Pablo Stoll. Die Handlung dreht sich um die Dreiecksbeziehung zwischen dem Sockenhersteller Jacobo, seiner Angestellten Martha und seinem Bruder Herman. Als Herman zur Beisetzung der verstorbenen Mutter nach Montevideo anreist, bittet Jabobo die loyale Martha über das Wochenende in die Rolle seiner Frau zu schlüpfen.
In der ersten Viertelstunde dachte ich, hier wird Kino erzählt, wie man Artikel eigentlich schreiben müsste. Kurze, prägnante Szenen. Keine überfrachteten Dialoge. Handlungen erschließen sich aus Bildern. Unwichtigkeiten werden weggelassen. Und so deutet sich hier eine Geschichte über Einsamkeit, Liebe und verschwendete Lebenszeit an:
Martha wartet jeden morgen bereits vorm Eingang des kleinen Sockenunternehmens auf ihren Chef. Jacobo macht den Rollladen auf, wirft die alten Maschinen an, Martha bringt ihm einen Tee. Absolute Routine, eingespielt über einen langen Zeitraum. Einen zu langen Zeitraum, denn Jacobo hat den Anschluss verpasst. Jeden morgen begrüßt ihn der Verkäufer am Zeitungskiosk, wo er frühstückt, mit der Frage, wie seine Fußball-Mannschaft gespielt habe. Und wenn er daraufhin stumm weitergeht, ruft ihm der Verkäufer nach, dass es seine Mannschaft doch gar nicht mehr gebe. Diese spärlichen Dialogfetzen bleiben den ganzen Film lang das einzige verbale Mittel um Hintergründe aufzudecken.
Beinahe schon erleichtert stürze ich mich auf den jüdischen Aspekt, der nun auftaucht.
Man erfährt nicht viel über die Figuren, ihre Motive. Das meiste bleibt Vermutung und Interpretationssache. Martha zieht nun über das Wochenende bei Jacobo ein. Dafür war sie extra beim Friseur und trägt zum ersten Mal Make-up. Sie sieht ihre Chance gekommen, dass aus Jacobo mehr als ihr Chef werden könnte. Doch der will überhaupt nicht aus seinem Kokon ausbrechen. Er hat seine alte Mutter bis zu deren Tod in seiner Wohnung gepflegt. Herman war nach Brasilien gegangen, hat eine Brasilianerin geheiratet und arbeitet dort für eine erfolgreichen Sockenfabrikanten. Woher der Hass zwischen den beiden Brüdern kommt, erfahre ich nicht. Aber, dass kein Frieden zwischen den ihnen herrscht, zeigt sich nicht erst durch den „Shalom“-Schlüsselhaken, der am ersten Morgen vor dem gemeinsamen Frühstück von der Wand fällt.
Beinahe schon erleichtert stürze ich mich auf den jüdischen Aspekt, der nun auftaucht. Wenigstens etwas Angedeutetes, das mir eine Interpretation darüber geben kann, warum Jacobo den Anschluss verpasst hat. Warum er mit seinen über fünfzig Jahren noch immer keine Frau hat und sich sein ganzes Leben auf das veraltete Sockenunternehmen konzentriert. Aber kann hierfür sein jüdischer Glauben Rückschlüsse geben? Der Nachname Koller lässt auf Emigration schließen. Hatten es die Brüder in ihrer Kindheit aufgrund ihres Glaubens schwer? Ich erfahre es nicht. Besteht eine jüdische Gemeinde in Montevideo? Bei der Beisetzung der Mutter ist eine kleine Gruppe anderer Männer mit Kopfbedeckung auf dem Friedhof zu sehen. Wird die Religion von den anderen akzeptiert? Die drei Angestellten der Sockenfabrik machen sich bei der Mittagspause über den Brauch lustig, den Grabstein erst ein Jahr nach der Beerdigung aufzustellen. Ist Jacobo deshalb die stereotype jüdische Figur schlechthin? Nein. Es ist weder ersichtlich, dass er sonderlich koscher lebt, noch dass er für die Traditionen seiner Religion besondere Affinitäten hegt. Und dennoch lebt Jacobo in einem Exil. Zurückgezogen in seiner Wohnung, ohne soziale Kontakte, ohne Hobbys, ohne Aussichten auf Besserung. Führt das Leben im äußeren Exil auch gleichzeitig ins innere Exil? Dann müsste Herman den gleichen Unwillen aufweisen. Aber der ist das genaue Gegenteil seines Bruders: erfolgreich, mit einer Frau und zwei Kindern, gesprächig und offen. Und so entwickelt sich bei einem verlängerten Wochenende am Meer zwischen ihm und Martha dann eine kurze Affäre – auch dies wieder nur in Andeutungen.
Ich leide mit dieser Frau, die sich dann dem zuwendet, der ihr wenigstens für den Moment die Nähe geben kann
All das Unausgesprochene ist mir zu anstrengend. Ich warte die knapp 100 Minuten, dass endliche etwas passiert. Es ist schlimmer als Effi Briest zu lesen und sich am Ende zu fragen, auf welcher Seite man eingeschlafen war, weil man die Affäre mit Crampas verpasst hat. Nicht, dass ich unbedingt Sex in einem (Liebes-)Film erwarte. Aber hier schleppt sich die Handlung dahin und fängt nie an richtig zu erzählen und das ewige zwischen den Zeilen oder eben Einstellungen lesen, wird anstrengend. Jacobo spricht beinahe kein Wort und kommt nicht aus sich heraus, geht nicht einen Schritt auf Martha zu. Ich leide förmlich mit dieser Frau, die ihre Chance auf Liebe und Zuneigung mit jedem weiteren Tag zerrinnen sieht und sich dann demjenigen zuwendet, der ihr wenigstens für den Moment die Nähe geben kann, nach der sie sich sehnt.
Am Ende fliegt Herman zurück nach Brasilien. Martha steckt ihm am Flughafen heimlich einen Zettel zu, den er erst im Flugzeug lesen soll. Zurück in der Wohnung, bestellt Jacobo Martha ein Taxi und übergibt ihr ein in Geschankpapier gewickeltes Bündel. Hierbei muss es sich um eine große Summe an Geld handeln, die Jacobo bei einem heimlichen Besuch im Casino gewonnen hat. Ein letzter Versuch der loyalen Angestellten auf diese Weise doch zu zeigen, was er für sie empfindet? Martha erwidert auf sein „Auf Wiedersehen“ mit ihrem „So Gott will“. Am nächsten Tag taucht sie nicht mehr in der Sockenfabrik auf. Und ich wünsche mir in diesem Moment, dass sie das Geld genommen hat, um nach Brasilien zu fliegen und mit Herman durchzubrennen. Im Grunde ist man selbst doch verkitscht romantisch.

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